07. August 2008
Gleich vorweg: Angu sollte Recht behalten...
Am späten Morgen geh ich mit den beiden Schweden Glenn und Thommy zu
Finn (a.k.a. «Herr der Boote») Kaffee trinken - selbstverständlich
nicht ohne Zigaretten und Narwalfleisch mitzubringen... Zwei Stunden
dauert das Kafikränzli beim Dänen, der in den 1980ern nach Qaanaaq
ausgewandert ist. Er vermittelt hier Bootstouren, steht grösseren
Expeditionen zur Seite und betreut Filmteams aus aller Welt - vor
allem aber hat er sich aufs Jagen spezialisiert. Finn unterhält uns
bestens mit abenteuerlichen Geschichten. Schliesslich zeigt er uns
auch sein kleines Königreich: die kleine Werkstatt, in der er unter
anderem Messer und spezielle Gewehre für die Jagd zusammenbastelt. Und
plötzlich erklärt er sich bereit, uns höchstpersönlich nach Siorapaluk
zu fahren, mit den Jägern sei nun ja noch einige Tage nicht zu
rechnen...
Qaanaaq hat ein natürliches Hafenbecken, das nur bei Flut passierbar
ist. Da das Wasser seinen Höchststand bereits erreicht hat, will Finn
baldmöglichst ablegen. Ich eile also zurück zum Beach House, packe
schnurstracks meinen kleinen Rucksack und zwänge mich in fünf (!)
wärmende Kleiderschichten. Wie alle Boote hier ist Finns Boot ein
offenes Boot... Immerhin zeigt sich das Wetter einmal mehr von von
seiner prächtigsten Seite, und die See ist spiegelglatt.

Kapitän Finn - im Hintergrund Qaanaq (ganz rechts aussen) und zwei der
ungezählten Gletscherzungen der Gegend

Auks
Siorapaluk liegt rund 60 Kilometer von Qaanaaq entfernt. Auf unserer
eineinhalbstündigen Reise begegnen wir bald einmal ersten Auks; etwa
acht Millionen dieser Vögel leben in der Gegend um Siorapaluk. Auf
halbem Weg legt Finn eine Zigarettenpause ein, und ein Jäger gesellt
sich mit seinem Boot dazu. Stolz erzählt er uns, dass er gestern Abend
im Alleingang 24 Dosen Bier und sechs Flaschen Rotwein gebodigt habe.
Das erklärt denn auch seine Redseligkeit... Die Jäger - die
Einheimischen überhaupt - kommunizieren üblicherweise nur sehr zaghaft
mit Fremden.

Wir erreichen schliesslich Siorapaluk, die nördlichste natürliche
Siedlung der Welt! (Alert auf der kanadischen Ellesmere Island ist ein
Militärstützpunkt und Longyearbyen sowie Ny Ålesund auf Spitzbergen
sind aus Kohleminenzentren gewachsen.) Finn manövriert das Boot an den
Strand, wo er uns mitsamt Gepäck absetzt. In zwei Tagen, bei
Wasserhöchststand, wird er uns hier wieder abholen kommen.
Siorapaluk liegt in einer wunderschönen Bucht mit einem kleinen
Sandstrand und zählt knapp 60 Einwohnerinnen und Einwohner. Zurzeit
ist jedoch eine Vielzahl am Jagen oder andersweitig unterwegs, und so
macht das kleine Dorf auf den ersten Blick einen fast etwas
verlassenen Eindruck.


Sogleich überkommt mich das unbestimmte Gefühl, dass es wohl doch
nicht so einfach werden würde, hier spontan ein Dach über dem Kopf zu
finden. In Qaanaaq versicherten mir gleich mehrere Leute, dass dies
kein Problem sei, ich solle einfach nach Pauline, Hans oder Annette
fragen. Nach einem kurzen Rundgang im Dorf stellt sich jedoch heraus,
dass Pauline für ein paar Tage in Qaanaaq weilt , Hans und Annette für
die bevorstehende Nacht bereits Gäste beherbergen und ausserdem morgen
abreisen. Durch die Blume verraten mir die beiden aber, dass das
Nachbarhaus seit längerem leer stehe und die Türe nicht abgeschlossen
sei... Irgendwie ist mir das dann doch zu abenteuerlich, und so komme
ich auf Glenns und Thommys Angebot zurück, ich könne notfalls bei
ihnen im Zelt übernachten. Zum Glück habe ich intuitiv meinen
Daunenschlafsack nach Siorapaluk mitgenommen!
Wir errichten unsere Bleibe am Dorfrand, am Fusse des Hausbergs und
mit Blick aufs Meer. Mein GPS-Gerät zeigt an, dass ich mich hier über
4'650 Kilometer nordwestlich meines Balkons in Zürich befinde, auf N
77°47.208' W 070°38.951'. Ich habe somit den nördlichsten Punkt meiner
Reise erreicht und finde es irgendwie gar nicht so unpassend, dies mit
einem kleinen Campingabenteuer zu würdigen...

Bald einmal statten wir dem kleinen Dorfladen einen Besuch ab. Das
Versorgungsschiff, das einmal jährlich in Siorapaluk Halt macht, hat
gestern seine Ware abgeladen - diese ist jedoch, abgesehen vom
Hundefutter, noch in den Containern verpackt. So sind die Regale
grösstenteils leer... Wir entscheiden uns für drei Konservendosen mit
Wienergryde: Weisskohl, Karotten, Kartoffeln und Fleischklösse. Dazu
gibt es eine Cola - neben Faxe Kondi (eine Art Fanta) das
Nationalgetränk der Grönländer. Da Thommy einen kleinen Kocher dabei
hat, benötigen wir auch Brennsprit. Hierfür müssen wir zuerst im
Gemeindehaus eine schriftliche Bewilligung einholen. Man hat diese
Schikane eingeführt, weil der Brennsprit mit seinen 93% Alkoholgehalt
als Schnapsersatz missbraucht wurde...

Ein Sack Hundefutter und unser Znacht...

Nach dem Dosen-Nachtessen, das sich unglaublicherweise als ziemlich
lecker entpuppte, verschwindet die tief stehende Sonne hinter dem
Hausberg. Sogleich können wir beobachten, wie Dutzende von Schneehasen
aus ihren Erdlöchern schlüpfen und die Gegend rund um unser Zelt
bevölkern. Auch Blaufüchse erspähen wir - und natürlich ein paar
tausend Auks.
Bald einmal legen wir uns schlafen. Finn hat uns Rentierfelle
ausgeliehen, auf denen es sich äusserst bequem liegt - und auch von
kriechender Kälte keine Spur. In der Nacht erwache ich einige Male ob
einem seltsamen Kratzgeräusch. Natürlich denke ich an einen Eisbären,
denn wir befinden uns hier in einer Eisbärgegend! In den Sommermonaten
jedoch halte sich der König des Nordens im Landesinneren auf,
versicherten uns die Jäger. Das Kratzen stammt denn auch nur von den
Krallen einiger Vögel, die unserem Zelt einen Besuch abstatten.
Unser Frühstück wird unerwartet reichhaltig: Im Dorfladen sind über
Nacht einige Neuwaren ausgepackt worden - unter anderem Eier und
frisches Joghurt! Da ich mich nicht auf Camping eingestellt hatte,
fehlen mir so einige Ess-Utensilien. Aber die Not macht erfinderisch:
Der Joghurtbecher wird zur Teetasse umfunktioiert, der Deckel der
Bronchialpastillendose zum Löffel, die Konservendose zum Teller... Das
Schweizer Armeesackmesser schliesslich eignet sich prima, um - zwecks
Wassergewinnung - von der Flut angeschwemmte Eisbrocken zu zerhacken.
Ich gehe den Tag langsam an, geniesse die Stille, den Sonnenschein und
die Aussicht, lese eine ganze Weile und mache mich dann auf,
Siorapaluk zu erkunden (und die öffentliche Dusche zu benutzen). Das
Dorf hat einen ausgeprägt authentischen, noch sehr ursprünglichen
Charakter. Alles verweist darauf, dass die Menschen hier sehr einfach
und vor allem von der Jagd leben: Praktisch vor jeder Hütte und jedem
Haus sind ein paar Schlittenhunde angebunden, überall liegen einzelne
Knochen oder gar ganze Skelette herum, verwesende Tierresten,
Schlitten und Bootsteile, da wird Narwal- und Haifleisch
luftgetrocknet, und mancherorts entdecke ich frische, zur
Weiterverarbeitung aufgehängte Robben- oder Eisbärfelle.

Seit gestern Abend ist Leben eingekehrt in Siorapaluk: Die halbe
Dorfbevölkerung - von Jung bis Alt - hilft mit, die vom
Versorgungsschiff angelieferte Ware aus den Containern zu entladen.
Menschenketten werden gebildet und so wandern hunderte von Kartons in
den Dorfladen oder ins Lagerhaus. Die Stimmung ist ausgelassen und die
Leute sind ziemlich kontaktfreudig - insbesondere die Kinder: Sie
finden enormen Gefallen daran, an mir und dem Zweimetermann Glenn
hochzuklettern und von uns herumgetragen zu werden.

Auf meinem weiteren Rundgang durchs Dorf treffe ich Britta, eine
Kinderärztin aus Dänemark, die zwei Wochen pro Jahr im Norden
Grönlands Freiwilligenarbeit leistet. In Siorpaluk stünden diese Tage
medizinische Hausbesuche an, aber weil das Wetter gut ist und sich
herumgesprochen hat, dass sich im Fjord bei Qaanaaq viele Narwale
tummeln, musste die Ärztin so etliche Familien von ihrer Liste
streichen... Britta lädt mich zum Tee ein, wir plaudern eine ganze
Weile. Schliesslich mache ich mich auf zur öffentlichen Dusche im nahe
gelegenen Gemeindehaus. Als Britta mitbekommt, dass ich dort anbrenne,
winkt sie mich zu sich und meint, ich dürfe ruhig ihr Badezimmer
benutzen. Ich bin sehr gerührt über dieses spontane Angebot und
schätze die erfrischende Dusche umso mehr...
Nach Gulasch mit Pasta steht eine weitere Outdoor-Nacht im hohen
Norden an. Wieder schlafe ich prima und bin fast ein wenig traurig
darüber, dass wir unser Zelt schon abbauen müssen. Noch aber bleiben
uns ein paar Stunden. Thommy, Glenn und ich haben vor, Iko
aufzusuchen. Iko ist Japaner und eine Art Legende. Er kam in den
1970ern im Rahmen einer Arktis-Expedition nach Grönland. Als er nach
einigen Wochen in der Wildnis am Flughafen von Qaanaaq stand und den
Rückflug antreten sollte, sagte er zu seinen Kollegen: «Grüsst mir
Tokyo, ich bleibe hier». Iko blieb tatsächlich. Der heute 61-Jährige
liess sich in Siorapaluk nieder, heiratete, gründete mit seiner
grönländischen Ehefrau eine Familie und wurde Jäger (seine Tochter
übrigens ebenso, sie ist Grönlands einzige Jägerin). Als gelernter
Ingenieur bastelte Iko aus verschiedenen Maschinenteilen, die er im
Dorf zusammensuchte, zahlreiche nützliche Geräte - beispielsweise
einen Gerbautomaten,
Im Dorfladen fragen wir nach Iko, man zeigt uns ein grünes Haus in der
oberen Dorfhälfte... Iko ist tatsächlich zuhause. Er telefoniert
gerade mit dem britischen Fernsehsender BBC, der für eine
Filmdokumentation seine Übersetzerdienste in Anspruch nehmen will.
Später verrät uns Iko, dass er nur zugesagt habe, weil er gerade froh
ums Geld sei, normalerweise nehme er solche Aufträge nicht an. «Der
Rest meines Lebens ist zu kurz, als dass jemand anders als ich selber
über diese wertvolle Zeit verfügen dürfte», begründet er.

Iko
Iko gilt als exzellenter Jäger, der über einen facettenreichen, weit
über die Jagd hinaus gehenden Wissensfundus verfügt. Von verschiedener
Seite ist uns zu Ohren gekommen, seine Kiviaks - eine Spezialität aus
Qaanaaq - seien die besten weit und breit. Es handelt sich hierbei um
unbehandelte Auks, die ein Jahr lang in einer eigens gefertigten
Grube, bedeckt mit Erde und Steinen, gelagert wurden. Wir können uns
aufgrund dieser Beschreibung nicht wirklich etwas (Essbares)
vorstellen. Deshalb fragen wir Iko scheu, ob wir seine Kiviaks
degustieren dürften.
Zu gerne würde er uns ein Kiviak anbieten, meint Iko. Aber das Klima
spiele so verrückt, dass er diese Saison zum ersten Mal seit dreissig
Jahren die Vögel mindestens einen Monat länger eingelagert lassen
müsse, sie seien noch nicht geniessbar. Überhaupt habe sich viel
verändert in den letzten Jahren: «In den Wintermonaten ist das Meereis
an vielen Stellen nicht mehr tragfähig, so dass wir mit unseren
Hundeschlitten grosse Umwege fahren müssen. Früher gab es auch
Lastwagentransporte übers Eis, doch die Leute, die damit ihr Geld
verdient haben, kamen in den letzten drei Wintersaisons zu keinem
einzigen Einsatz. Auch die Tiere haben ihr Verhalten geändert. Das
grösste Problem sind im Moment die Killerwale, die dieses Jahr viel
früher als üblich aufgetaucht sind und uns Jägern die Narwale aus dem
Fjord vertreiben.»
Iko schenkt uns zum Abschied einen selbst gefangenen und geräucherten
Fisch, einfach so. Und macht sich davon, Robbenfelle zu gerben...
Wieder in Qaanaaq, verspeisen Glenn und Thommy den Fisch zum
Nachtessen. Noch nie zuvor sei ihnen ein so guter geräucherter Fisch
untergekommen, berichten sie.