15./16. August 2008: Ilulissat - Kangerlussuaq - Kopenhagen - Zürich (Tage 29 und 30)

15./16. August 2008: Ilulissat - Kangerlussuaq - Kopenhagen - Zürich (Tage 29 und 30)
Liebe Leserin, lieber Leser
Dies ist der letzte Eintrag von Polar-Blog 02, danke füs «Dabeisein»!
Kommentare, Wünsche, Fragen, Anregungen - und auch Kritik - sind willkommen und können jeweils am Ende der einzelnen Einträge angebracht werden.
Von meiner wunderbaren vierwöchigen Grönland-Reise bringe ich nicht nur einen (imaginären) Koffer voller Erinnerungen mit nach Hause, sondern auch viele, viele, wirklich viele Fotos... Irgendwann, wenn die Tage auch in der Schweiz sehr kurz geworden sind, und es besonders gut tut, all die lichtdurchfluteten Bilder nochmals anzusehen, werde ich meine Lieblinge auswählen und online stellen auf www.sandrawalser.ch in der Rubrik «Fotogalerie».


Der Titel dieses Eintrags verrät eigentlich schon alles... Drum zum Schluss nur noch dies:

Die Inuit nennen ihr Land nicht Grönland, grünes Land, sondern Kalallit Nunaat, Land der Menschen. Und ein Land der Menschen ist Grönland tatsächlich! Ich bedanke mich für die Gastfreundschaft, die mir - trotz Sprachbarriere - überall, aber insbesondere in Siorapaluk und Qaanaaq, entgegen gebracht wurde, für die Aufmerksamkeit, Geduld und auch Neugier...

Takuss - auf Wiedersehen!

takuss1

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14. August 2008: Ilulissat (Tag 28)

14. August 2008: Ilulissat (Tag 28)

In der Nacht auf heute erwache ich mehrere Male. Und wiederholt irritiert es mich, dass das Zimmer nicht lichtdurchflutet ist - so fest also hatte ich mich schon an die Mitternachtssonne gewöhnt! Ilulissat liegt fast 1'000 Kilometer südlich von Qaanaaq, und seit dem 27. Juli ist hier die Zeit der Mitternachtssonne vorbei. In schnellen Schritten geht es nun der ewigen Polarnacht entgegen. Im Moment verschwindet die Sonne bereits rund sechs Stunden unter den Horizont - mit jedem Tag sind es 20 Minuten mehr -, und Dämmerlicht legt sich über die Stadt...

mitternachtssonne Die Mitternachtssonne, fotografiert Ende Juli um 2h30 in Upernavik

Überhaupt braucht es nach meinem fast zweiwöchigen Aufenthalt im hohen Norden einiges an Anpassung: Im Vergleich zu Qaanaaq verströmt Ilulissat fast schon etwas Grossstädtisches, und Hektik liegt in der Luft - insbesondere, weil diese Tage die Passagiere zweier grosser Luxuskreuzer die Stadt auf Trab halten. Im Bereich des Kreuzschiff-Tourismus hat Ilulissat innert kürzester Zeit übrigens einen beinahe schon dramatischen Zuwachs zu vermelden: Waren es im Sommer 2007 noch 7'000 Kreuzfahrttouristen, die in Ilulissat Halt machten, sind es heuer bereits 17'000! Eine örtliche Tourismus-Expertin meinte zu mir im vertraulichen Gespräch, dass die für die Bewohnerinnen, Bewohner, Tourismusangestellten und Natur verträgliche Grenze an sich bei etwa 5'000 Passagieren liege. Zusammen mit den Vertretern anderer Ortschaften führe man bereits erste Gespräche über einen Plan, der vorsieht, die Anzahl anlegender Kreuzfahrtschiffe zu beschränken.

Ich habe den heutigen Tag dafür reserviert, mich von Ilulissat und jenen Leuten zu verabschieden, die ich hier diesen Sommer oder bereits bei meinem letzten Besuch, im Jahr 2004, kennengelernt habe. Und dann... entdecke ich auf meinem Rundgang durch die Stadt eine Bierbrauerei! Es ist, als würde sich der Kreis schliessen: Am Anfang meiner Reise stand der Besuch des «Greenland Brewhouse» in Narsaq, und an meinem letzten Tag in Grönland stosse ich in Ilulissat im Hotel Icefiord auf das «Icefiord Bryghus»! Das kann kein Zufall sein, denke ich, und frage an der Reception gleich nach dem Braumeister, und ob der vielleicht für ein Interview zur Verfügung stünde... Und das tut er.

Seit Mai 2007 wird im «Icefiord Bryghus» Bier gebraut - und wie im «Greenland Brewhouse» kommt hier statt Leitungswasser Eis zum Einsatz. Fast zweieinhalb Tonnen davon werden benötigt, um 600 Liter Bier herzustellen, erklärt mir Tommy Kanstrup, der zusammen mit seiner Assistentin Katrine Raundrup fürs Brauen zuständig ist. Im Gegensatz zum «Greenland Brewhouse», das sein Bier in Flaschen abfüllt, landesweit verkauft und auch in grossen Mengen exportiert, gelangt das Bier hier in Ilulissat exklusiv im Hotel Icefiord in den Offenausschank (und in kleiner Menge auch in die Küche, wo es für Fleischmarinaden verwendet wird). Tommy und Katrine stellen in ihrem Mikro-Brauhaus Pale und Brown Ale her, dem sie - je nach Saison und Erhältlichkeit - den Extrakt von Schwarzbeeren und Engelwurz beigeben, die in der Region gepflückt werden. Zu Ostern und Weihnachten gibts jeweils eine Bräu mit hohem Alkoholgehalt (7%) und speziellen Würzen.

brewer Tommy Kanstrup in der Mikro-Brauerei des Hotel Icefiord

eiscontainer
In diesen vier Containern liefert ein örtlicher Fischer das fürs Brauen benötigte Eis aus dem Fjord an.

altern In diesen Behältern ruht das Bier nach dem Brauen bis zu einem Monat, «und hat - bei schönem Wetter - eine tolle Aussicht auf den Fjord», meint Tommy verschmitzt.

Als mir Tommy anbietet, sein Bier zu testen, gesteh ich ihm gleich, dass ich eigentlich keine Biertrinkerin bin. «Unser Bier mögen selbst Nicht-Biertrinker», meint er nur, schenkt von zwei Bräus ein paar Degustier-Schlücke ein und... in der Tat schmeckt insbesondere das Engelwurz-Bier ausgezeichnet! Als ich am Abend mit Tommy, Katrine und Uli, den ich schon 2004 kennen gelernt habe, im Hotel Icefiord essen geh, trink ich zum Apéro - freiwillig - ein ganzes Glas!

Es wird ein schöner letzter Abend in Grönland. Übrigens findet sich auch in Sachen Essen irgendwie ein Abschluss: In Qaanaaq war für unser Abschiedsessen weder Moschusochse noch Rentier aufzutreiben - heute nun gibt es gleich beides zusammen auf einem unglaublich leckeren Wild-Teller...

13. August 2008: Qaanaaq - Ilulissat (Tag 27)

Es gilt, Abschied zu nehmen von Qaanaaq und ein erstes Stück Heimreise
anzutreten... Der frühmorgendliche Rest Kofferpacken fällt mir schwer.
Und ich ertappe mich dabei, wie ich mir ein bisschen wünsche, dass
schlechtes Wetter unseren Flug Richtung Süden - nach Ilulissat -
verhindert. Doch nachdem gestern noch dicke Wolken über Qaanaaq
hingen, strahlt die Sonne heute wieder um die Wette...

Unter den Wartenden am Flughafen befindet sich auch die Schweizerin
Salome. Endlich habe ich Zeit, mich etwas länger mit ihr zu
unterhalten. An meinem ersten Tag in Qaanaaq haben wir uns zufällig
auf den Strasse getroffen und unsere Handynummern ausgetauscht, um mal
etwas gemeinsam zu unternehmen - aber irgendwie haben sich unsere
Pläne dann doch nie überschnitten. Salome hat in Qaanaaq drei Wochen
bei einer Gastfamilie gewohnt. Insgesamt sechs Wochen bereist sie
Grönland und trifft die unterschiedlichsten Leute, um sich mit ihnen
über die soziale und politische Zukunft des Landes zu unterhalten. Ich
bin ziemlich beeindruckt - Salome ist gerade mal 17 und in Sachen
Maturarbeit unterwegs!

Unsere Dash-7 startet pünktlich. Sie fasst diesmal nur 20 Passagiere,
im vorderen Teil des Flugzeugs sind die Sitze heraus montiert worden,
um Stauraum zu generieren. So komm ich mir ein bisschen vor wie in
einer Cargomaschine...

cargoflugi

Der Co-Pilot vermeldet eine Flugzeit von drei Stunden. Auf etwa halbem
Weg verschlechtert sich das Wetter merklich, und wir geraten einige
Male in ziemlich arge Luftlöcher. So einige der Passagiere - ich
miteingeschlossen - können ihr Angstkreischen nicht zurückhalten.

Nach einem abenteuerlichen, kurvenreichen Sinkflug landen wir
schliesslich sicher in Ilulissat. Eva, Thommy, Glenn und ich
verabschieden uns endgültig voneinander. Passenderweise giesst es wie
aus Kübeln, Nebelfetzen verschleiern den Eisfjord - und es ist
unangenehm frisch.

grauingrau
Passend zum Abschiednehmen grau in grau - auch so kann der Eisfjord
von Ilulissat ausschauen...

Ich teile mit Salome ein Taxi in die Stadt. Auf dem Weg knurren unsere
Mägen hörbar, und so verabreden wir uns auf eines der grönländischen
Nationalgerichte: Nein, nicht auf Ren, Moschusochse, Wal oder Robbe -
sondern auf einen Hamburger mit Pommes Frites im legendären Café
Iluliaq...

salome
Salome und der wirklich extrem leckere Riesenburger

12. August 2008: Qaanaaq (Tag 26)

polargrill
Der Polar Grill - die wohl nördlichste Wurstbude der Welt und sogleich
Qaanaaqs einziges «Restaurant» - hatte leider während meines ganzen
Aufenthalts in Qaanaaq Sommerpause. Zu gern hätte ich ihn getestet...

Mein letzter Tag in Qaanaaq... Ich verweigere mich erstmal dem
Kofferpacken und unternehme einen langen Spaziergang dem Sandstrand
entlang und quer durch die Stadt. Mittlerweile ist sie mir in all
ihrer Rauheit richtig ans Herz gewachsen - ebenso das Beach House, das
ich bei meiner Ankunft noch als «Abstellkammer» taxierte, in der es
sich keine zwei Tagen leben lässt.

Natürlich haben vor allem die vielen aussergewöhnlichen Erlebnisse und
Begegnungen zu dieser neuen Sicht der Dinge beigetragen. Ja, ich
glaube, so einige Leute, Plätze und Gewohnheiten, die im
Schweizerischen Alltag keinen Platz haben, werden mir richtig fehlen...

Eva, Kirsten und ich planen für den Abend ein gemeinsames, ganz
spezielles Beach-House-Abschiedsessen (Eva und ich reisen morgen ab,
Kirsten bleibt noch eine Woche): Uns ist zu Ohren gekommen, dass Finn
am Wochenende ein Rentier erlegt hat... Und so gehen wir ihn fragen,
ob er uns für unser «Festmal» drei Steaks verkaufen würde. Leider hat
Finn das ganze Ren schon mit Freunden verspiesen. Einzig die Füsse
sind noch da, aber mit diesen sehnigen Gnagis abmühen wollen wir uns
dann auch wieder nicht. Finn verweist uns weiter an Toku, Ikos Tochter
und Grönlands einzige Jägerin. Sie habe diese Tage zwei Moschusochsen
geschossen...

veranda

Trotz vager Wegbeschreibung orten wir Tokus Haus schnell: Auf einer
Veranda erspähen wir zwei frische Moschusochsenfelle und -schädel...
Doch Toku ist leider nicht zuhause - und so gibt es schliesslich
Spaghetti Bolognese mit ganz normalem Rindsgehacktem aus dem
Supermarkt. Die Damen-Znacht-Runde fällt sehr gemütlich aus, auch wenn
uns immer mal wieder ein bisschen Wehmut überkommt, weil wir an die
Heimreise denken.

Und irgendwann am späteren Abend lassen sich Aufräumen und
Kofferpacken nicht länger hinausschieben... Während bei mir vor allem
das Zusammentragen, Putzen und Verstauen der Fotoausrüstung viel Zeit
benötigt, muss Eva noch eine ihrer Narwal-Gewebeproben für den Versand
nach Kopenhagen präparieren. Der Jäger, von dem sie stammt, war zu
faul, die zur Studie benötigten Teile (die Augen, ein bisschen Fleisch
und Fett, und - weil es sich um ein weibliches Tier handelte - die
Eierstöcke) heraus zu «operieren». Stattdessen deponierte er im
Kühlraum des Gemeindehauses, wo Eva die vergangenen drei Wochen
gearbeitet hat, einfach ein paar Fleischklumpen, die nun zu einem
unschönen blutigen Riesen-Brocken zusammengefroren sind.

Mit einem Jagdmesser macht sich Eva in der Beach-House-Küche also an
die Arbeit... Sie findet, was sie sucht - und es bleiben erst noch so
einige Fleischstücke übrig, die wir den hungrigen Schlittenhunden vor
dem Fenster zum Abschied verfüttern können...

hundefütterung

9. bis 11. August 2008: Qaanaaq (Tage 23 bis 25)

Qaanaaq ist mittlerweile fast schon ein bisschen zum Alltag
geworden... Die Leute erkennen mich auf der Strasse, laden mich zum
Tee oder zum Essen ein, und in der Bäckerei des Supermarkts wird mir
mein Dänisch Plunder eingepackt, ohne dass ich ihn bestellen muss. Es
überkommt mich fast ein wenig Wehmut, wenn ich daran denke, dass ich
am Mittwoch abreise...

Unglaublich viele einmalige Eindrücke hab ich hier in Qaanaaq sammeln
können. Und so bedaure ich es nicht, dass mein Aufenthalt aufgrund des
zwei Tage verspäteten Hinflugs und des verschobenen Rückflugs um eine
ganze Woche länger ausgefallen ist als geplant, und mir in Ilulissat
somit nur noch knapp zwei Tage verbleiben, bevor es am 15. August
wieder Richtung Schweiz geht. An den Gedanken, dass ich in einer Woche
wieder hinter einem Büropult sitzen werde, mag ich mich allerdings
noch nicht so recht gewöhnen...

Zum ersten Mal auf meiner Reise schalte ich ein paar «lazy days» ein.
Und nicht ganz unpassend setzt bald einmal Regen ein. Ich geniessse
die warme Stube des Beach House und auch die Gesellschaft meiner
beiden Mitbewohnerinnen, der Biologin Eva und der
Anthropologie-Professorin Kirsten, beide aus Kopenhagen. Wir plaudern
stundenlang, waschen Wäsche, kochen - und lassen uns von Glenn und
Thommy, die unweit von uns zelten, bekochen - oder schauen gemeinsam
Olympiade. Am Samstagabend besuchen wir zu Fünft die einzige Bar
Qaanaaqs, wo wir von den Einheimischen sogleich zum Tanzen
aufgefordert werden, immer wieder, bis zum Umfallen...

steinmanndli
Eva und ich unternehmen eine Wanderung Richtung Inlandeis, kehren aber auf
halbem Weg um, weil wir schlicht zu faul sind. Dafür bauen wir ein
kleines Steinmanndli.


jägerwartenimregen
Zwei Jäger warten am windigen Strand auf ein eintreffendes Boot, das
Narwalfleisch transportiert.


qaanaaqregen
Der Regen hat eingesetzt...

zugangbeachhouse
Der Zugang zum Beach House gestaltet sich bei Nässe noch
abenteuerlicher als sonst schon...


kirsten
Ich habe die Gelegenheit, mit meiner Mitbewohnerin Kirsten, einer
Anthropologie-Professorin aus Kopenhagen, das Archiv von Qaanaaq zu
besuchen. Es entpuppt sich als erstaunlich systematisch archiviert,
und so findet Kirsten hier ziemlich rasch so einige Schätze. Sie
forscht einerseits seit längerem schon zur Zwangsumsiedlung Qaanaaqs
1953, andererseits befragt sie für ihr jüngstes Projekt Einheimische
zu ihren Erfahrungen betreffend Klimawandel. Sie hat Qaanaaq schon
verschiedentlich besucht, dieses Mal bleibt sie drei Wochen.


raymond
Raymond kommt Kaffee trinken. Er ist eigentlich Geographielehrer, hat
aber im Rahmen des Internationalen Polarjahres von der britischen
National Geographic Society ein Mandat erhalten, neun Wochen in
Qaanaaq Feldstudien zu betreiben. Er ist ein wandelndes Lexikon,
insbesondere was die Geschichte der grossen Polarexpeditionen anfangs
des 20. Jahrhunderts betrifft.


eierstöcke
Eines Morgens entdecke ich diesen «Gast» in unserer Dusche... Es
handelt sich um ein Stück tiefgefrorenes Narwalfleisch, das Eva für
ihre Studie zur Reproduktion von Narwalen von einem Jäger erhalten
hat. Auf dem Zettel ist vermerkt: «Eierstöcke suchen»!

8. August 2008: Qaanaaq - Inglefield Fjord - Qaanaaq (Tag 21)

Es ist fast unglaublich: Seit drei Wochen bin ich nun schon in
Grönland unterwegs, und bis auf ein paar nächtliche oder
frühmorgendliche Nebelbänke und einen bewölkten Tag (rechtzeitig zur
Sonnenfinsternis) war das Wetter stets strahlend, und die Anzeige des
Thermometers kletterte einige Male gar auf über 20 Grad. Der heutige
Tag sollte da keine Ausnahme sein.

Es war ein Glück, dass ich vor ein paar Tagen die beiden
Narwal-Spezialistinnen Eva und Kristin kennengelernt habe. Dank ihnen
steht heute etwas ganz Aussergewöhnliches auf meinem Programm:
Zusammen mit Eva, Glenn und Thommy kann ich ein Jägercamp im
Inglefield Fjord besuchen. Fremde sind dort eigentlich nicht
erwünscht, aber weil Kristin gerade in einem dieser Lager in enger
Zusammenarbeit mit den Jägern ihre Feldstudien betreibt, erhalten wir
eine Einladung.

kristin_eva
Kristin und Eva (v.l.n.r.)

Eva hat Ib und Rasmus, zwei Jäger, angeheuert, die uns pünktlich um 14
Uhr mit ihrem Boot abholen kommen. An Bord sind auch zwei von Ibs
Töchtern. Nach einer dreiviertelstündigen Fahrt erreichen wir das
Camp, müssen aber feststellen, das Kristin und ihre Jäger ausgeflogen
sind. Weder per Funk noch per Telefon können wir sie kontaktieren. Am
Ufer liegen nur noch zwei Kayaks; die Harpunen sind mit Peilsendern
ausgestattet, die eigens für Kristins Untersuchung über die
Migrationswege von Narwalen entwickelt worden sind. Halb volle Teller
und Tassen stehen auf dem Tisch - das Lager erweckt den Eindruck, als
sei es Knall auf Fall verlassen worden. Da haben wohl einige Narwale
das Frühstück gestört...

jägercamp
Das Jägercamp

kayakcamp
Eines der Kayaks... Man beachte die traditionellen Handschuhe aus
Eisbärfell und die aufgeblasende Robbenhaut, die mit einer Schnur an
der Harpune befestigt und verhindert, dass das getroffene Tier
abtauchen kann.


peilsender
Eine High-Tech-Harpune, mit Peilsender ausgestattet

Wir sehen uns ein wenig im Lager um. Fünf Zelte sind errichtet worden,
ein fest installiertes Küchenzelt steht da und auch ein
Schiffscontainer. Auf einem der umliegenden Hügel ist ein hochwertiger
Svarowski-Feldstecher installiert worden, mit dem sich ein Grossteil
des Fjords überblicken lässt. Ich erspähe einige Robben - von Narwalen
oder Kristin und ihren Jägern jedoch keine Spur...

walausschau
Ib hält Ausschau nach Walen...

Wir beschliessen, ein, zwei Stunden zu warten, essen unsere
mitgebrachten Sandwiches und dösen in den mit Eisbärfellen
ausgestatteten Stühlen an der Sonne dahin. Plötzlich kommt Unruhe auf,
die beiden Jäger wechseln ein paar wenige Worte auf Grönländisch und
rennen mit ihren Töchtern zum Boot. Wir verstehen überhaupt nicht, was
los ist, packen die wichtigsten unserer sieben Sachen und stürzen
ihnen nach. Nachdem wir ins Boot gehechet sind und abgelegt haben,
erklärt uns Rasmus aufgeregt: «Da draussen ist ein Belugawal. Ich
weiss, heute bin ich eigentlich nicht Jäger, sondern Bootstaxifahrer,
aber ich kann mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.»

An Bord herrscht höchste Konzentration. Eva, Glenn, Thommy und ich
versuchen uns so klein wie möglich zu machen, um die Jäger und die
beiden jungen Frauen bei ihrer Arbeit nicht zu stören. Wir blicken
immer wieder über die glatte Meeresoberfläche, können jedoch nichts
Aussergewöhnliches entdecken - ganz im Gegensatz zu Rasmus und Ib: Sie
wissen genau, wo sich der Wal gerade aufhält, entsprechend
beschleunigen oder verlangsamen sie den Motor und ändern ab und an
abrupt die Richtung. Wohlverstanden, diese Verfolgungsjagd spielt sich
auf einem Gebiet von mindestens zwei Quadratkilometern ab...

Plötzlich taucht der Wal nur wenige Meter neben dem Boot auf. Es
stellt sich heraus, dass es kein Belugawal, sondern ein junger Narwal
ist, von seiner Herde verlassen. Dann geht alles ganz schnell: Rasmus
greift nach der Harpune, zielt und... gleich der erste Schuss sitzt.

schuss

Die Harpune hat das Tier unterhalb des Kopfes durchbohrt. Einige Zeit
noch wehrt sich der Wal, dann erschlafft der Körper. Die beiden Frauen
binden ihn am Boot fest und Ib nimmt Kurs auf das Jägercamp...

walamstrand

Innert gerade mal 45 Minuten hat das eingespielte Team um Rasmus und
Ib den Wal gesichtet, geortet, gejagt, erlegt und ans Ufer gebracht.
Eva entnimmt dem Jungtier einige Gewebeproben und vermisst es. Dann
steht sie - wie Glenn, Thommy und ich - etwas benommen herum, und wir
schauen zu, wie der Wal mit ein paar wenigen Messerschnitten zerlegt
wird.

Niemand von uns kann so richtig fassen, was in der letzten Stunde
passiert ist... Die Wende, die unser Ausflug genommen hat, traf uns
völlig unvorbereitet - und auch unerwartet: Die Wahrscheinlichkeit,
als Touristin oder Tourist (ja selbst als Narwalforscherin) eine
Narwaljagd aus nächster Nähe miterleben zu können, strebt an sich
gegen Null...

Ich bin rundum beeindruckt und auch fasziniert von der Arbeit der
Jäger. Doch mir das einzugestehen, ist gar nicht so einfach. Zwar habe
ich nun schon einige Zeit in Qaanaaq verbracht und es ist
augenscheinlich geworden, dass die Waljagd hier nicht wegzudenken ist
und ausserdem ganz anders aussieht, als ich sie von Fotos und
Filmsequezen her kenne. Dennoch merk ich: Da ist diese fixe Idee - die
mir im Moment allerdings sehr unpassend scheint -, dass ich Waljagd
grundsätzlich als «böse» zu empfinden habe. Als ich mich mit Eva,
Glenn und Thommy austausche, stellt sich heraus, dass es ihnen genau
so ergeht.

Zum Glück werden wir bald abgelenkt von unserem sich irgendwie sehr
unangenehm anfühlenden Zwiespalt: Nach und nach kehren Kristins Jäger
aus dem Fjord zurück, und sie freuen sich sichtlich über unsere
Gesellschaft. Zwei Jäger machen sogar ihre Kayaks startklar und
demonstrieren uns im buchstäblich eiskalten Polarmeer mindestens ein
Dutzend Varianten der Eskimo-Rolle. Selbst mit einer um den Oberkörper
geschnürten, mit Luft gefüllten Robbenhaut schaffen sie das
Kunststück. Und als Höhepunkt vollführt einer der Jäger sechs
Eskimo-Rollen am Stück!

eskimorolle

Leider müssen wir uns auf den Heimweg machen, noch bevor Kristin ihr
Tageswerk im Fjord beendet hat. Seit Dienstag ist sie nun schon an
ihrer - wie wir vernehmen - äusserst diffizilen Arbeit, und zu gerne
hätten wir sie gefragt, ob es ihr gelungen ist, einige Peilsender zu
platzieren und aktivieren.

Es ist wohl nur logisch, dass mich Narwale und Orcas durch die Nacht
begleiten. Einmal erwache ich und frage mich, ob ich nicht überhaupt
die ganzen Geschehnisse dieses verrückten Tages nur geträumt habe...

5. bis 7. August 2008: Qaanaaq - Siorapaluk - Qaanaaq (Tage 19 bis 21)

Gleich vorweg: Angu sollte Recht behalten...

Am späten Morgen geh ich mit den beiden Schweden Glenn und Thommy zu
Finn (a.k.a. «Herr der Boote») Kaffee trinken - selbstverständlich
nicht ohne Zigaretten und Narwalfleisch mitzubringen... Zwei Stunden
dauert das Kafikränzli beim Dänen, der in den 1980ern nach Qaanaaq
ausgewandert ist. Er vermittelt hier Bootstouren, steht grösseren
Expeditionen zur Seite und betreut Filmteams aus aller Welt - vor
allem aber hat er sich aufs Jagen spezialisiert. Finn unterhält uns
bestens mit abenteuerlichen Geschichten. Schliesslich zeigt er uns
auch sein kleines Königreich: die kleine Werkstatt, in der er unter
anderem Messer und spezielle Gewehre für die Jagd zusammenbastelt. Und
plötzlich erklärt er sich bereit, uns höchstpersönlich nach Siorapaluk
zu fahren, mit den Jägern sei nun ja noch einige Tage nicht zu
rechnen...

Qaanaaq hat ein natürliches Hafenbecken, das nur bei Flut passierbar
ist. Da das Wasser seinen Höchststand bereits erreicht hat, will Finn
baldmöglichst ablegen. Ich eile also zurück zum Beach House, packe
schnurstracks meinen kleinen Rucksack und zwänge mich in fünf (!)
wärmende Kleiderschichten. Wie alle Boote hier ist Finns Boot ein
offenes Boot... Immerhin zeigt sich das Wetter einmal mehr von von
seiner prächtigsten Seite, und die See ist spiegelglatt.

finn
Kapitän Finn - im Hintergrund Qaanaq (ganz rechts aussen) und zwei der
ungezählten Gletscherzungen der Gegend

kiviakvögel
Auks

Siorapaluk liegt rund 60 Kilometer von Qaanaaq entfernt. Auf unserer
eineinhalbstündigen Reise begegnen wir bald einmal ersten Auks; etwa
acht Millionen dieser Vögel leben in der Gegend um Siorapaluk. Auf
halbem Weg legt Finn eine Zigarettenpause ein, und ein Jäger gesellt
sich mit seinem Boot dazu. Stolz erzählt er uns, dass er gestern Abend
im Alleingang 24 Dosen Bier und sechs Flaschen Rotwein gebodigt habe.
Das erklärt denn auch seine Redseligkeit... Die Jäger - die
Einheimischen überhaupt - kommunizieren üblicherweise nur sehr zaghaft
mit Fremden.

alkstrand

Wir erreichen schliesslich Siorapaluk, die nördlichste natürliche
Siedlung der Welt! (Alert auf der kanadischen Ellesmere Island ist ein
Militärstützpunkt und Longyearbyen sowie Ny Ålesund auf Spitzbergen
sind aus Kohleminenzentren gewachsen.) Finn manövriert das Boot an den
Strand, wo er uns mitsamt Gepäck absetzt. In zwei Tagen, bei
Wasserhöchststand, wird er uns hier wieder abholen kommen.

Siorapaluk liegt in einer wunderschönen Bucht mit einem kleinen
Sandstrand und zählt knapp 60 Einwohnerinnen und Einwohner. Zurzeit
ist jedoch eine Vielzahl am Jagen oder andersweitig unterwegs, und so
macht das kleine Dorf auf den ersten Blick einen fast etwas
verlassenen Eindruck.

siorapalukvommeer

siorapaluk

Sogleich überkommt mich das unbestimmte Gefühl, dass es wohl doch
nicht so einfach werden würde, hier spontan ein Dach über dem Kopf zu
finden. In Qaanaaq versicherten mir gleich mehrere Leute, dass dies
kein Problem sei, ich solle einfach nach Pauline, Hans oder Annette
fragen. Nach einem kurzen Rundgang im Dorf stellt sich jedoch heraus,
dass Pauline für ein paar Tage in Qaanaaq weilt , Hans und Annette für
die bevorstehende Nacht bereits Gäste beherbergen und ausserdem morgen
abreisen. Durch die Blume verraten mir die beiden aber, dass das
Nachbarhaus seit längerem leer stehe und die Türe nicht abgeschlossen
sei... Irgendwie ist mir das dann doch zu abenteuerlich, und so komme
ich auf Glenns und Thommys Angebot zurück, ich könne notfalls bei
ihnen im Zelt übernachten. Zum Glück habe ich intuitiv meinen
Daunenschlafsack nach Siorapaluk mitgenommen!

Wir errichten unsere Bleibe am Dorfrand, am Fusse des Hausbergs und
mit Blick aufs Meer. Mein GPS-Gerät zeigt an, dass ich mich hier über
4'650 Kilometer nordwestlich meines Balkons in Zürich befinde, auf N
77°47.208' W 070°38.951'. Ich habe somit den nördlichsten Punkt meiner
Reise erreicht und finde es irgendwie gar nicht so unpassend, dies mit
einem kleinen Campingabenteuer zu würdigen...

zeltlager

Bald einmal statten wir dem kleinen Dorfladen einen Besuch ab. Das
Versorgungsschiff, das einmal jährlich in Siorapaluk Halt macht, hat
gestern seine Ware abgeladen - diese ist jedoch, abgesehen vom
Hundefutter, noch in den Containern verpackt. So sind die Regale
grösstenteils leer... Wir entscheiden uns für drei Konservendosen mit
Wienergryde: Weisskohl, Karotten, Kartoffeln und Fleischklösse. Dazu
gibt es eine Cola - neben Faxe Kondi (eine Art Fanta) das
Nationalgetränk der Grönländer. Da Thommy einen kleinen Kocher dabei
hat, benötigen wir auch Brennsprit. Hierfür müssen wir zuerst im
Gemeindehaus eine schriftliche Bewilligung einholen. Man hat diese
Schikane eingeführt, weil der Brennsprit mit seinen 93% Alkoholgehalt
als Schnapsersatz missbraucht wurde...

hundefutter
Ein Sack Hundefutter und unser Znacht...

campingabenteuer

Nach dem Dosen-Nachtessen, das sich unglaublicherweise als ziemlich
lecker entpuppte, verschwindet die tief stehende Sonne hinter dem
Hausberg. Sogleich können wir beobachten, wie Dutzende von Schneehasen
aus ihren Erdlöchern schlüpfen und die Gegend rund um unser Zelt
bevölkern. Auch Blaufüchse erspähen wir - und natürlich ein paar
tausend Auks.

Bald einmal legen wir uns schlafen. Finn hat uns Rentierfelle
ausgeliehen, auf denen es sich äusserst bequem liegt - und auch von
kriechender Kälte keine Spur. In der Nacht erwache ich einige Male ob
einem seltsamen Kratzgeräusch. Natürlich denke ich an einen Eisbären,
denn wir befinden uns hier in einer Eisbärgegend! In den Sommermonaten
jedoch halte sich der König des Nordens im Landesinneren auf,
versicherten uns die Jäger. Das Kratzen stammt denn auch nur von den
Krallen einiger Vögel, die unserem Zelt einen Besuch abstatten.

Unser Frühstück wird unerwartet reichhaltig: Im Dorfladen sind über
Nacht einige Neuwaren ausgepackt worden - unter anderem Eier und
frisches Joghurt! Da ich mich nicht auf Camping eingestellt hatte,
fehlen mir so einige Ess-Utensilien. Aber die Not macht erfinderisch:
Der Joghurtbecher wird zur Teetasse umfunktioiert, der Deckel der
Bronchialpastillendose zum Löffel, die Konservendose zum Teller... Das
Schweizer Armeesackmesser schliesslich eignet sich prima, um - zwecks
Wassergewinnung - von der Flut angeschwemmte Eisbrocken zu zerhacken.

Ich gehe den Tag langsam an, geniesse die Stille, den Sonnenschein und
die Aussicht, lese eine ganze Weile und mache mich dann auf,
Siorapaluk zu erkunden (und die öffentliche Dusche zu benutzen). Das
Dorf hat einen ausgeprägt authentischen, noch sehr ursprünglichen
Charakter. Alles verweist darauf, dass die Menschen hier sehr einfach
und vor allem von der Jagd leben: Praktisch vor jeder Hütte und jedem
Haus sind ein paar Schlittenhunde angebunden, überall liegen einzelne
Knochen oder gar ganze Skelette herum, verwesende Tierresten,
Schlitten und Bootsteile, da wird Narwal- und Haifleisch
luftgetrocknet, und mancherorts entdecke ich frische, zur
Weiterverarbeitung aufgehängte Robben- oder Eisbärfelle.

eisbärkopf

Seit gestern Abend ist Leben eingekehrt in Siorapaluk: Die halbe
Dorfbevölkerung - von Jung bis Alt - hilft mit, die vom
Versorgungsschiff angelieferte Ware aus den Containern zu entladen.
Menschenketten werden gebildet und so wandern hunderte von Kartons in
den Dorfladen oder ins Lagerhaus. Die Stimmung ist ausgelassen und die
Leute sind ziemlich kontaktfreudig - insbesondere die Kinder: Sie
finden enormen Gefallen daran, an mir und dem Zweimetermann Glenn
hochzuklettern und von uns herumgetragen zu werden.

glenn_kinder

Auf meinem weiteren Rundgang durchs Dorf treffe ich Britta, eine
Kinderärztin aus Dänemark, die zwei Wochen pro Jahr im Norden
Grönlands Freiwilligenarbeit leistet. In Siorpaluk stünden diese Tage
medizinische Hausbesuche an, aber weil das Wetter gut ist und sich
herumgesprochen hat, dass sich im Fjord bei Qaanaaq viele Narwale
tummeln, musste die Ärztin so etliche Familien von ihrer Liste
streichen... Britta lädt mich zum Tee ein, wir plaudern eine ganze
Weile. Schliesslich mache ich mich auf zur öffentlichen Dusche im nahe
gelegenen Gemeindehaus. Als Britta mitbekommt, dass ich dort anbrenne,
winkt sie mich zu sich und meint, ich dürfe ruhig ihr Badezimmer
benutzen. Ich bin sehr gerührt über dieses spontane Angebot und
schätze die erfrischende Dusche umso mehr...

Nach Gulasch mit Pasta steht eine weitere Outdoor-Nacht im hohen
Norden an. Wieder schlafe ich prima und bin fast ein wenig traurig
darüber, dass wir unser Zelt schon abbauen müssen. Noch aber bleiben
uns ein paar Stunden. Thommy, Glenn und ich haben vor, Iko
aufzusuchen. Iko ist Japaner und eine Art Legende. Er kam in den
1970ern im Rahmen einer Arktis-Expedition nach Grönland. Als er nach
einigen Wochen in der Wildnis am Flughafen von Qaanaaq stand und den
Rückflug antreten sollte, sagte er zu seinen Kollegen: «Grüsst mir
Tokyo, ich bleibe hier». Iko blieb tatsächlich. Der heute 61-Jährige
liess sich in Siorapaluk nieder, heiratete, gründete mit seiner
grönländischen Ehefrau eine Familie und wurde Jäger (seine Tochter
übrigens ebenso, sie ist Grönlands einzige Jägerin). Als gelernter
Ingenieur bastelte Iko aus verschiedenen Maschinenteilen, die er im
Dorf zusammensuchte, zahlreiche nützliche Geräte - beispielsweise
einen Gerbautomaten,

Im Dorfladen fragen wir nach Iko, man zeigt uns ein grünes Haus in der
oberen Dorfhälfte... Iko ist tatsächlich zuhause. Er telefoniert
gerade mit dem britischen Fernsehsender BBC, der für eine
Filmdokumentation seine Übersetzerdienste in Anspruch nehmen will.
Später verrät uns Iko, dass er nur zugesagt habe, weil er gerade froh
ums Geld sei, normalerweise nehme er solche Aufträge nicht an. «Der
Rest meines Lebens ist zu kurz, als dass jemand anders als ich selber
über diese wertvolle Zeit verfügen dürfte», begründet er.

iko
Iko

Iko gilt als exzellenter Jäger, der über einen facettenreichen, weit
über die Jagd hinaus gehenden Wissensfundus verfügt. Von verschiedener
Seite ist uns zu Ohren gekommen, seine Kiviaks - eine Spezialität aus
Qaanaaq - seien die besten weit und breit. Es handelt sich hierbei um
unbehandelte Auks, die ein Jahr lang in einer eigens gefertigten
Grube, bedeckt mit Erde und Steinen, gelagert wurden. Wir können uns
aufgrund dieser Beschreibung nicht wirklich etwas (Essbares)
vorstellen. Deshalb fragen wir Iko scheu, ob wir seine Kiviaks
degustieren dürften.

Zu gerne würde er uns ein Kiviak anbieten, meint Iko. Aber das Klima
spiele so verrückt, dass er diese Saison zum ersten Mal seit dreissig
Jahren die Vögel mindestens einen Monat länger eingelagert lassen
müsse, sie seien noch nicht geniessbar. Überhaupt habe sich viel
verändert in den letzten Jahren: «In den Wintermonaten ist das Meereis
an vielen Stellen nicht mehr tragfähig, so dass wir mit unseren
Hundeschlitten grosse Umwege fahren müssen. Früher gab es auch
Lastwagentransporte übers Eis, doch die Leute, die damit ihr Geld
verdient haben, kamen in den letzten drei Wintersaisons zu keinem
einzigen Einsatz. Auch die Tiere haben ihr Verhalten geändert. Das
grösste Problem sind im Moment die Killerwale, die dieses Jahr viel
früher als üblich aufgetaucht sind und uns Jägern die Narwale aus dem
Fjord vertreiben.»

Iko schenkt uns zum Abschied einen selbst gefangenen und geräucherten
Fisch, einfach so. Und macht sich davon, Robbenfelle zu gerben...

Wieder in Qaanaaq, verspeisen Glenn und Thommy den Fisch zum
Nachtessen. Noch nie zuvor sei ihnen ein so guter geräucherter Fisch
untergekommen, berichten sie.

4. August 2008: Qaanaaq (Tag 18)

Das Warten nimmt kein Ende. Und so beginne ich, langsam aber sicher
den grossen Vorzug meines sehr, sehr einfach eingerichteten Hotels zu
schätzen: seine Lage. Durchs Küchenfenster kann ich beinahe den ganzen
Strand überblicken und somit umgehend reagieren und meine Kamera
packen, wenn ich einen Jäger mit seiner Beute einfahren sehe...

Ich bekomme allerdings auch eine ganz andere Sache mit, die mir
weniger gefällt: Zwei dänische Touristen, die einen Tag nach mir
eingetroffen sind, und von denen ich weiss, dass sie an einer nur auf
dem Seeweg zugänglichen Stelle im Fjord campen gehen wollen, steigen
in ein Boot! In Windeseile kleide ich mich an und spaziere dann wie
zufällig dem Strand entlang... Doch aus den beiden Seefahrern in Spe
ist nicht herauszubekommen, wie sie es geschafft haben, das Boot zu
kriegen. Aus einer anderen Quelle erfahre ich später, dass sie Finn,
den Vermittler zwischen Touristen und Jägern, auf seinen Wunsch hin
mit einer Stange Zigaretten und zwei Kilogramm Narwalfleisch
«beschenkt» haben...

mafia

Tja, ohne Bestechung läuft offenbar nichts. Doch bevor ich mir
irgendwelche «Geschenke» ausdenke, will ich erstmal mir selber was
Gutes tun und mache mich auf zum Supermarkt. Sogleich fallen mir
mehrere Leute auf, die eine Unmenge an Bierdosen und Weinflaschen mit
sich tragen. Offenbar also ist nun auch die Alkohol-Lieferung
eingetroffen...

Die Container mit Bier und Wein - hochprozentiger Alkohol ist in
Qaanaaq verboten - werden jeweils als letzte ausgeladen. So wird
einerseits sicher gestellt, dass der alle zwei Wochen ausbezahlte Lohn
bzw. das Sozialgeld zuerst in frische Lebensmittel und nicht gleich
vollumfänglich in Alkohol investiert wird. Andererseits verunmöglicht
diese Taktik, dass die fürs entladen der Cargo-Güter benötigten
Arbeitskräfte wegen übermässigen Alkoholkonsums ausfallen. Was hier
fast ein bisschen amüsant klingt, ist leider traurige Realität: Der
Alkohol stellt in Grönland - insbesondere in der Inuit-Bevölkerung -
ein immenses Problem dar. Dazu mag beigetragen haben, dass die
Arbeitslosenquote hier sehr hoch ist und Viele von Sozialleistungen
leben. Zudem existieren vielerorts die traditionellen sozialen
Strukturen nicht mehr, da der Staat, um Verwaltungskosten zu sparen,
zahlreiche kleine Siedlungen aufgelöst und die Menschen in die nächst
gelegene Stadt umgesiedelt hat.

Auf dem Vorplatz des Supermarkts begegne ich den ersten
Alkoholleichen; sie geben einen ersten Vorgeschmack auf die grossen
«Parties», die in Qaanaaq abends steigen werden... Doch nicht nur in
Qaanaaq hat die Nachricht von der begehrten neuen Ware in den Regalen
bereits die Runde gemacht: Einige Jäger haben ihre Jagd abrupt
abgebrochen und kehren aus ihren Lagern am Fjord zurück. Ausserdem
soll in Siorapaluk ein Boot gestartet sein, das eigens den Auftrag
hat, Alkohol zurück zu bringen. Dies jedenfalls erzählt mir Angu, ein
älterer Mann, der jeweils stundenlang auf einem Stein am Strand sitzt
und aufs Meer hinaus schaut. Es ist an sich nicht einfach, Kontakt
aufzubauen zu den Inuit, es braucht viel Zeit. Angu hat mich schon
einige Tage aufmerksam beim Auf- und Abgehen beobachtet und mich nun
zu sich gerufen. Wir verständigen uns mittels Zeichensprache, ein paar
Brocken Dänisch und Englisch. So erfahre ich, dass Angu in Siorapaluk
geboren wurde, als kleiner Junge nach Qaanaaq kam und seither nie
fortgegangen ist. Angu will wissen, wo überall ich gewesen bin in
Grönland. Ob den Ortsnamen Narsaq, Ilulissat und Upernavik macht er
grosse Augen, und ist dann irgendwie stolz, als ich ihm erzähle, dass
ich eigentlich nach Siorapaluk möchte, dies jedoch unmöglich scheine.
Schliesslich bittet mich Angu, ein Foto zu machen und es ihm auf dem
kleinen Kamera-Bildschirm zu zeigen. Er lächelt zufrieden, als er das
Resultat sieht. Zum Abschied meint er, er sei sicher, dass ich es nach
Siorapaluk schaffen werde...

angu

Angu 

4. August 2008: Wien

ronorp

In der heutigen Ausgabe von ronorp Wien wurde polar-blog.ch empfohlen...

4. August 2008: Schweizer Mittelland

mittellandIn der Mittelland Zeitung ist heute ein kurzes Interview mit mir erschienen. Hier gibts den Download als PDF (1 MB).

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