22. Juli 2011
Position 0h00: 79°36.7'N / 48°45.8'E
Temperatur: 6°C
Wind: 20m/sec
Wetter: Nebel, später Sonnenschein, vereinzelte Wolkenfelder
Die sozialen Brennpunkte an Bord befinden sich vorne auf Deck 4: In der Bibliothek, spärlich ausgestattet mit Bildbänden und den Biographien von Forschern und Pionieren, kann man sich mit dünnem Kaffee, Grün- und Schwarztee sowie allerlei russischem Gebäck eindecken; in der Bar gleich nebenan - sie ist bezeichnenderweise drei mal grösser als die "Library" - tänzelt und lächelt Barkeeper Daniel hinter der Theke und erheitert die Zecher mit seiner Joggling-Show. Der junge Russe ist einfach nicht in der Lage, ganz normal ein Glas zu füllen; Bierbüchsen und Weinflaschen müssen erst einmal durch die Luft fliegen, selbst die Eiswürfel beschreiben einen hohen Bogen, bevor sie hinter Daniels Rücken klimpernd im Cocktailglas landen.
Mit dem Schümli-Pflümli, den die Zürcher-Oberländer-Fraktion gerne bestellen würde, kann er zwar wenig anfangen, dafür kreiert er auf besonderen Wunsch einen Cocktail namens "Icebreaker Dranitsyn", der optisch der Farbe des Wassers im graugrünen Swimming Pool auf Deck 3 entspricht, geschmacklich Vodka, Kokosmilch und einen süssen Sirup erkennen lässt und im Übrigen einen lustigen Glanz in die Augen der Menschen zaubert...

Im Vortragssaal hält Lektor Christoph Höbenreich einen spannenden Multivisionsvortrag zur "Payer-Weyprecht-Gedächtnis-Expedition 2005", im Rahmen derer er und drei weitere Teilnehmer auf den Spuren der Franz-Josef-Land-Entdecker Julius von Payer und Carl Weyprecht den Archipel mit Tourenskis und Schlitten durchquert haben. Offenkundig besorgt berichtet Christoph auch, dass Franz-Josef-Land - dieses "Diadem der Arktis!" - für die russische Regierung ein höchst interessantes Gebiet sei: Sie bringe derzeit ihre Forschungsstation Nagurskoe auf Alexandra-Land mit grossem Aufwand auf den neuesten Stand, weil diese zu einem Vorposten der Region um den Nordpol ausgebaut werden soll, wo enorme Öl- und Gasfelder vermutet werden.
Doch die Russen sind nicht nur auf Gewinnung fossiler Brennstoffe scharf...
"Erinnert ihr euch an die Helikopter-Piloten?", fragt Sandra beim Abendessen. Es hat sich ergeben, dass wir den Tisch in der Regel mit Hans Peter und Esther aus Schaffhausen sowie Kim und Stefan aus Frankfurt teilen. Natürlich erinnern wir uns: Bei der gestrigen Informationsveranstaltung wurden uns nicht nur der Kapitän und die Offiziere, die Lektoren und Zodiac-Fahrer, die beiden Jäger und die Küchen-Crew vorgestellt - da standen auch zwei Piloten stramm in der Reihe, die schwarzen Uniformen frisch gebügelt und mit Orden übersät.
Sie habe sich in der Bibliothek gerade einen Tee einschenken wollen, erzählt Sandra mit verhaltener Empörung, da sei der jüngere der beiden plötzlich neben ihr gestanden, habe ihren Namen wissen wollen und dann sogleich: "Do you have a boyfriend?" Sie habe beinahe ihr heisses Getränk verschüttet, fährt Sandra fort, und "Be aware, I travel with a bodyguard" entgegnet. Ich kann mir ein ein Schmunzeln nicht verkneifen. Hans Peter meint scherzhaft, der Platz neben dem Piloten sei nun wohl bei jedem Heli-Flug für Sandra reserviert. Ein Irrtum, wie sich schon bald herausstellen sollte...

Am Nachmittag macht die lethargische Stimmung an Bord einer allgemeinen Aufgeregtheit Platz. Genau über unserem Schiff lichtet sich die dichte Bewölkung, ein blaues Himmelfenster geht auf, während noch immer Nebelschwaden tief überm Wasser hängen. Dickschnabel-Lummen fliegen kreischend durch die Lüfte, und sie führen damit elementare physikalische Gesetze ad absurdum: Mit ihrem pummeligen Rumpf und den viel zu kleinen Flügeln sollten sie etwa so gut fliegen können wie die Pinguine, ihre gefiederten Kollegen auf der anderen Seite des Globus'...


Die Sonne setzt sich langsam durch - und spannt dann einen wunderschönen Nebelbogen um die Dranitsyn; ein meteorologisches Phänomen, das wie ein diffuser Regenbogen erscheint und, wie wir bald von unseren Wissenschaftlern erfahren, in polaren Regionen häufig beobachtet werden kann, aber selten in dieser Vollendung. "Das Tor zu Franz- Josef-Land!", kommentiert Sandra treffend.

Am Abend steht ein obligatorisches Briefing auf dem Programm: Eindringlich schärft uns Expeditionsleiter Sepp die wichtigsten Verhaltensregeln ein. "Wir bewegen uns hier im Reich des Königs der Arktis", eröffnet er mit trockenem Pathos, und dieser sei kein knuddliger Knut, sondern ein gefährliches und unberechenbares Raubtier: "Eisbären können unverhofft auftauchen. Macht an Land keine Alleingänge, bleibt in Gruppen und habt stets die beiden Jäger im Auge, die das Gelände in alle Richtungen absichern. Falls es zu einer Sichtung kommen sollte, rennt auf keinen Fall weg, das weckt den Jagdinstinkt - glaubt mir: Die Bären sind in so einem Fall schneller als ihr!"
Die Bilder eines unvorsichtigen Mannes, der mit viel Glück und noch mehr Wunden eine hautnahe Begegnung mit einem Eisbaren überlebt hat, untermalen dramatisch Sepp Ausführungen, während wir schaudernd miterleben, wie er den zweiten Teil seines Vortrags einleiten will und mit wachsender Verzweiflung an den Software-Tücken seines Notebooks scheitert - das Dokument bleibt unauffindbar. Da befreit Sepp eine Lausprecher-Durchsage aus seiner Verlegenheit: "Polar bears ahead!". "Schnell raus", meint Sepp erleichtert, "geht raus an Deck!"
Nahezu lautlos gleitet die Dranitsyn langsam durchs eisversetzte dunkle Wasser... Die Eisscholle mit der Eisbärin ist kaum grösser als zwei Tischtennistische. Zwei Junge schmiegen sich an ihre Mutter, die jetzt argwöhnisch - und wohl auch ziemlich beunruhigt - zu uns herüberschaut, zu diesem gelbschwarzen Ungetüm, das da vorbeirauscht, mit den vielen Zweibeinern, die in einer langen Reihe stehen und mit langen Rohren auf sie und ihre Kinder zielen... Klickklickklick...


Von der Eisscholle her dringt verhaltenes Brüllen zu uns und wir werweissen, was die Bärenmutter wohl sagen will. "Sehht ihr, wie uns der Boden unter den Pfoten wegschmilzt, weil ihr euren Dreck in die Luft lässt?", schlägt einer vor. "Bleibt, wo ihr seid, lasst uns in Ruhe!", meint seine Nachbarin. Und dann sagt jemand: "Wie wärs damit: Willkommen auf Franz-Josef-Land!"
Kurz nach dieser Begegnung taucht am Horizont mit Bell Island denn auch die Küste des ersehnten Archipels auf...
Blick auf Bell Island